Objektive Hermeneutik

Bei der objektiven Hermeneutik handelt es sich um ein qualitatives Verfahren zur Auswertung textbasierter Daten, dessen Ziel es ist, hinter den subjektiven Bedeutungen der Verfasser*innen von Texten objektive Sinnstrukturen zu identifizieren. Das Spektrum reicht dabei von unbewussten Bedeutungszuschreibungen im Sinne der Psychoanalyse bis hin zu Strukturgesetzen, die sich aus der Dynamik gesellschaftlicher Prozesse ergeben. Die objektive Hermeneutik versteht sich dabei als ein dritter Weg zwischen reduktionistisch-naturwissenschaftlichen und idealistisch-geisteswissenschaftlichen Positionen und misst daher auch der methodischen Kontrollierbarkeit eine große Bedeutung bei. Besonders auffällig an der objektiven Hermeneutik sind die sehr ausführliche Bearbeitung geringer Textmengen, eine streng sequenzielle Interpretation (im Gegensatz zu kodierenden Verfahren wie der qualitativen Inhaltsanalyse) sowie die Interpretation von Textstellen mit Hilfe von Gedankenexperimenten. Diese und weitere Charakteristika sollen im Folgenden weiter ausgeführt werden.

Methodologische Grundlagen

Im Gegensatz zu eher pragmatisch begründeten Forschungsmethoden wie der qualitativen Inhaltsanalyse ist die objektive Hermeneutik methodologisch voraussetzungsvoll, sodass es notwendig ist, sich mit ihren theoretischen Vorannahmen zu befassen, um die Funktionsweise der Methode zu verstehen. In Anlehnung an Wernet (2009) werden hier daher einige methodologische Positionen der objektiven Hermeneutik vorgestellt.

Durchführungsprinzipien

Aus den oben aufgeführten methodologischen Positionen ergeben sich im nächsten Schritt fünf Grundprinzipien, denen die Praxis der objektiven Hermeneutik genügen muss und auf denen der konkrete Auswertungsprozess, der anschließend erläutert wird, aufbaut.

Auswertungsablauf

Wie bereits erläutert, wird das Datenmaterial in der Reihenfolge interpretiert, wie es im Text vorkommt. Auch die Praxis des “Geschichten erzählens” bzw. des Erstellens gedankenexperimenteller Kontexte wurde bereits erwähnt. Hier soll nun genauer auf diese Vorgehensweise eingegangen werden, bei der Geschichten zu hypothetischen Kontexten erzählt werden, um daraus Lesarten der zu interpretierenden Textpassage gebildet werden, die anschließend mit kontrastierenden Geschichten sowie Geschichten in falsifikatorischer Absicht bestätigt, konkretisiert oder widerlegt werden sollen, um darauf aufbauend Fallstrukturhypothesen zu bilden.

Das Beispiel ist aus Wernet (2009) entnommen. Um den Erkenntnisprozess bei der Anwendung der Objektiven Hermeneutik verständlicher zu machen, kann es sehr hilfreich sein, sich ein umfangreicheres Interpretationsbeispiel anzusehen. Da es nicht sinnvoll möglich ist, ein solches hier in angemessen kurzer Form zu präsentieren, empfehlen wir das Beispiel aus Wernet (2009), Kapitel 4.

Für welche Fragestellungen eignet sich die Objektive Hermeneutik?

Die Objektive Hermeneutik zielt darauf ab, latente Sinnstrukturen jenseits der subjektiven Intentionen der beforschten Personen zu identifizieren. Dementsprechend eignet sich die Objektive Hermeneutik auch in erster Linie für Forschungsfragen, die auf eben solche objektive Strukturen abzielen, während für Fragen, die auf subjektive Perspektiven, Meinungen oder Absichten zielen, andere Methoden besser geeignet sind.

Welches Datenmaterial ist geeignet?

Die Frage nach dem geeigneten Datenmaterial muss auf zwei Ebenen beantwortet werden. Zum einen stellt sich die Frage, welche Art von Material zulässig ist, wie das Material also erhoben werden sollte. Zum anderen stellt sich die Frage, wie innerhalb dieses erhobenen Materials dann geeignete Textstellen ausgewählt werden sollten.

Zusammenfassung

Literaturhinweise

Ulrich Oevermann, Tilman Allert, Elisabeth Konau, Jürgen Krambeck: (1979): Die Methodologie einer „objektiven Hermeneutik“ und ihre allgemeine forschungslogische Bedeutung in den Sozialwissenschaften. In: Hans-Georg Soeffner (Hrsg.): Interpretative Verfahren in den Sozial- und Textwissenschaften. Metzler, Stuttgart 1979.

Oevermann, Ulrich (2000): Die Methode der Fallrekonstruktion in der Grundlagenforschung sowie der klinischen und pädagogischen Praxis, in: Klaus Kraimer (Hrsg.): Die Fallrekonstruktion. Sinnverstehen in der sozialwissenschaftlichen Forschung. Frankfurt am Main Suhrkamp.

Wernet, Andreas (2009): Einführung in die Interpretationstechnik der Objektiven Hermeneutik. Wiesbaden Springer VS.

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Autor*innen dieses Artikels

Julius Kötter (Methodenzentrum)