Feldzuschnitt und Feldzugang

Bestimmung des Forschungsfeldes

Der Begriff Forschungsfeld suggeriert, dass es sich dabei um eine klar abgegrenzte Lokalität wie ein Unternehmen oder einen Klassenraum mit eindeutigen Teilnehmenden handelt. Diese Grenzziehung anhand von einem Ort ist aber bei vielen Fragestellungen nicht sinnvoll. Wendet man sich bspw. Managementpraktiken in einem Unternehmen zu, zeigt sich schnell, dass auch andere Orte oder Situationen, wie externe Fortbildungen oder das Feierabendbier zwischen Kolleg*innen von Interesse sein können. Ein Forschungsfeld muss also von den Forschenden anhand der eigenen Fragestellung selbst zugeschnitten werden. Verfolgt man den Forschungsansatz der Ethnographie, ist der Prozess des Feldzuschnitts ein zirkulärer Prozess der Datenerhebung und Datenauswertung, da das Interesse zunächst sehr offen ist und sich erst im Laufe der Forschung zuspitzt.

Feldzuschnitt

Sollen ganze Lebenswelten von Menschen erforscht werden, wie von Subkulturen, Minoritäten etc., oder nur bestimmte Lebenswelt-Ausschnitte wie bspw. berufliche Tätigkeiten?

Liegt das Interesse auf bestimmten Akteur*innen, wie Angehörigen einer Profession, einer Minorität oder anderen Subkulturen? Oder interessiere ich mich in meiner Studie für bestimmte Praktiken, wie bspw. Beratungsangebote von der Bundesagentur für Arbeit oder Praktiken des Tadelns im Unterricht? Oder liegt der Fokus auf Interaktionen an einem bestimmten sozialen Ort, wie einem Fahrstuhl, dem Lehrerzimmer oder einem Jugendtreff? Oder liegt das Interesse auf einem Produkt, welches interaktiv an verschiedenen Orten und in verschiedenen Situationen hervorgebracht wird, wie bspw. einer Zeugnisnote, einem Asylbescheid, einer entwickelten Software?

Je nachdem, wie die ersten beiden Fragen beantwortet wurden, kann nun eine Liste an möglichen Orten bzw. Situationen erstellt werden, die für die eigene Forschung interessant sein könnten. Es handelt sich hier um das Sampling der Studie, welches zunächst von theoretischen sowie den Ergebnissen anderer empirischer Studien geprägt ist. Es wird also die Frage gestellt: Was ist aus Sicht der bisherigen theoretischen und empirischen Forschung interessant? Beim Schreiben der Liste kristallisiert sich oft schnell heraus, was als zentrale Anlaufstelle für die eigene Forschung gewählt werden kann. Liegt der Forschungsfokus bspw. auf Managementpraktiken so benötige zuallererst Zugang zu einem Unternehmen; liegt er auf der Hervorbringung einer Zeugnisnote zu einer Schule bzw. einer Klasse etc.

Diese Fragen stellen sich meistens erst, wenn man bereits mit der eigenen Feldforschung begonnen hat. So kann es bspw. passieren, dass Gelegenheiten und Angebote aufkommen – eine Fortbildungsreihe, eine Einladung für ein Familienfest, die Bekanntschaft mit einem wichtigen Insider – und man entscheiden muss, welchen dieser Möglichkeiten man nachgehen sollte. Darüber hinaus entstehen aus der Empirie heraus oft Fragen, denen man an anderen Orten nachgehen müsste. Artefakte wie Lernmaterialien, administrative Formulare oder Regelwerke können bspw. Fragen aufwerfen, in welchem Kontext und auf welche Weise sie entstanden sind bzw. warum sie genau so sind, wie sie sind. Auch im Vorhinein können die hier diskutierten Fragen hilfreich sein, um den eigenen Forschungsaufenthalt zu planen.

Das ist eine Frage, welche man zu Beginn der eigenen Forschung festlegen sollte. Zum einen ist es notwendig, den zeitlichen Rahmen anzugeben, um überhaupt einen Zugang zum Feld zu bekommen. Zum anderen besteht immer die Gefahr, dass man sich im Feld ‚verliert‘, d. h. dass man die analytische Distanz verliert und annimmt, dass man besser länger im Feld bleiben sollte. Für die Ethnographie ist aber notwendig, dass die Datenerhebung immer wieder durch Datenauswertungsphasen unterbrochen wird, um neue analytische Fragen zu generieren. Das führt auch zur zweiten Frage, wie viele Feldaufenthalte sinnvoll sind. Für Abschlussarbeiten wie Bachelor- oder Masterarbeiten reicht es oft aus, einen Feldaufenthalt von wenigen Wochen oder sogar nur einigen Tagen zu planen. Es kann aber auch hier sinnvoll sein, eine Phase der Datenauswertung einzuplanen und ein zweites Mal ins Feld zu gehen, um entstandenen Fragen nachgehen zu können.

Der kontrastive Vergleich ist in der qualitativen Sozialforschung ein gutes Mittel, um die Spezifik eines Falls oder eines Feldes herauszuarbeiten. So kann es bspw. sinnvoll sein, die Subkultur der Tango-Tänzer*innen mit der Subkultur von Breakdancer zu vergleichen, um Charakteristika der genannten Gruppen zu finden. Andererseits ist so ein Vergleich sehr aufwändig und zeitintensiv. Häufig können auch kontrastive Vergleiche innerhalb eines Feldes herausgearbeitet werden. Ob man also zwei Felder miteinander vergleicht, muss sorgfältig im Hinblick auf die verfügbaren Ressourcen und die möglichen Forschungsgewinne abgewogen werden.

Zugang zum Feld

Die Frage, wie man zu einem ausgewählten Feld, wie bspw. einer politischen Partei, einem Unternehmen oder einer Jugendgang, Zugang bekommt, ist für Beobachtungstudien überaus bedeutsam. Dabei steht zu allererst die Kontaktaufnahme im Vordergrund. In vielen Fällen wird Kontakt über das sogenannte Vitamin B, also einen persönlichen Kontakt, hergestellt. Wenn das nicht der Fall ist, sollten folgende drei Fragen vor der Kontaktaufnahme beantwortet werden:

Personen, die einem einen Zugang zu einem Feld eröffnen, werden ‚Gatekeeper‘ genannt. Sie sprechen die offizielle Erlaubnis aus, dass Forschende Daten im Feld erheben dürfen. Wer diese Person im jeweiligen Feld ist, ist oft nicht einfach herauszufinden, da Zuständigkeiten und Hierarchien in vielen Fällen nicht öffentlich, also bspw. auf Homepages, dargestellt werden. Eine Faustregel ist, dass man Personen anfragen sollte, die so hoch in der formalen Hierarchie wie nötig und so niedrig wie möglich positioniert sind. Wer diese Personen sind, ist jedoch oft nicht leicht herauszufinden und bedeutet häufig bereits eine intensive Recherche.

Es ist zu empfehlen, dass Forschende ihr Forschungsinteresse und sich selbst in einem offiziellen Schreiben vorstellen, welches dann die Grundlage für ein persönliches Gespräch bietet. Dadurch entsteht der Eindruck der Ernsthaftigkeit und der Seriosität. Natürlich ist dieser Zugang nur sinnvoll, wenn diese Art der Kommunikation im Feld üblich ist, wie bspw. in staatlichen Institutionen, Unternehmen etc. Handelt es sich bei dem Forschungsfeld dagegen um informellere Kontexte, wie ein christlicher Chor oder eine Jugendtanzgruppe, so kann es sinnvoll sein, die erste Kontaktaufnahme telefonisch oder persönlich herzustellen.

Auch bei der eigenen Vorstellung ist auf Ernsthaftigkeit und Seriosität zu achten. So kann es bspw. sinnvoll sein, einen Lebenslauf zu versenden. Je formaler das Feld organisiert ist, desto formaler und akademischer sollte die Selbstdarstellung ausfallen. Bei der Vorstellung des eigenen Forschungsvorhabens ist es besonders wichtig, die gewählten Kategorien und Begriffe genau zu bedenken. So sollte man sehr vorsichtig sein mit wissenschaftlichen Begriffen wie „Forschung“, „Beobachtung“, „Analyse“, da diese Begriffe Kontrollszenarien aufrufen könnten. Stattdessen sollten die Kontaktpersonen immer als Expert*innen der eigenen Praxis und das Interesse der Forschenden als "Verstehen-" und "Kennenlernen-wollen" gerahmt werden. Darüber hinaus positioniert man sich mit der Begriffswahl häufig bereits politisch: Möchte man bspw. in einem alternativen Sprachcafé für Menschen mit Fluchterfahrung forschen, so sollte dringend die Sprache des Feldes bei der Bezeichnung der Zielgruppe verwendet werden.

Den Zugang zu einem Feld bekommen stellt sich in vielen Fällen als frustrierender und langwieriger Prozess dar. Organisationen, Subkulturen und andere Felder haben meistens kein Eigeninteresse daran, eine fremde Person in die eigene Praxis ‚einzuweihen‘ oder fürchten sogar, dass ihnen die Forschung schaden könne, da zeitliche Ressourcen verschwendet oder interne Details öffentlich würden. Thomas Lau und Stephan Wolff (1983) haben folgende Abwehrreaktionen systematisiert, um Forschenden zu helfen, diese zu erkennen und frühzeitig zu reagieren:

Rapport und eigene Rolle im Feld

Der Begriff des Rapports stammt aus der Psychoanalyse und wird in der Ethnographie verwendet, um die notwendige enge Arbeitsbeziehung zwischen Ethnograph*in und Beforschten zu bezeichnen. Letztlich geht es um die immer wieder virulente Frage, wie es den Forschenden gelingen kann, Vertrauen herzustellen. Dieses Vertrauen ist unbedingt notwendig, damit Akteur*innen ihre Lebenswelt für externe Beobachter*innen aufschließen und Zugang gewähren. Stellt man sich selbst die Frage, unter welchen Bedingungen man einem Menschen eigentlich vertraut, stellt man schnell fest, dass Vertrauen zum einen ein Gefühl der Vertrautheit voraussetzt und zum anderen an Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit geknüpft ist. Vertrautheit – so die Annahme der Ethnographie – kann nur durch längere Anwesenheit im Feld hergestellt werden. Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit sind zu einem großen Teil an die Selbstpräsentation des Forschenden geknüpft.

Es gilt einen Drahtseilakt zu meistern zwischen Anpassung an das Feld, um nicht als Eindringling zu gelten, und ‚Bewahrung‘ der eigenen Ansichten und Gewohnheiten, um die eigene Glaubwürdigkeit nicht zu verspielen. Eine Faustregel ist, dass man zunächst möglichst viele Personen im Feld kennenlernen sollte, ohne sich aufzudrängen. Das verlangt ein Gespür für Regeln und Normen des Feldes. Neben Fragen der praktischen Herstellung des Rapports stellen sich darüber hinaus auch forschungsethische Fragen. So müssen Forschende darüber nachdenken, wie sie mit Informationen umgehen, die ihnen anvertraut wurden oder wie sie sich positionieren, wenn sie in Situationen gelangen, die mit den eigenen Wertvorstellungen unvereinbar sind (bspw. rechtsradikales Gedankengut).

Eigene Rolle im Feld

Zusammenfassung

Literatur

Breidenstein, Georg; Hirschauer, Stefan; Kalthoff, Herbert (2013): Ethnografie. Die Praxis der Feldforschung. Konstanz: UTB (UTB : Sozialwissenschaften, Kulturwissenschaften, 3979).

Lau, Thomas/Wolff, Stephan (1983): Der Einstieg in das Untersuchungsfeld als soziologischer Lernprozeß. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 35: 417-437.

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Autor*innen dieses Artikels

Nele Kuhlmann (Methodenzentrum)