Forschungsfrage

Einen Ausgangpunkt für die Aktionsforschung finden

Typischerweise sind Diskrepanzerfahrungen ein Ausgangspunkt für (Aktions-)forschung Dies können sein:
Diskrepanzen zwischen Plänen/Erwartungen über den Unterrichtsverlauf und der Realität („Diese Methode (u. ä.) hat bei dieser Klasse schlecht funktioniert“)
Diskrepanzen zwischen der derzeitigen Situation und einer allgemeinen Wert- oder Idealvorstellung, einem Ziel („Die SuS akzeptieren autoritäres Verhalten und nützen lockeres aus“ – was den Wertvorstellungen der Lehrkraft widerspricht)
Diskrepanzen zwischen Wahrnehmungen ein und derselben Situation durch verschiedene Personen(-gruppen) („Was von mir als Unterstützung gemeint ist, empfinden SchülerInnen als Druck. Warum?“)

Beispiel

„Es handelt sich um eine 1. Klasse der 3jährigen Haushaltungsschule, in der ich Deutsch unterrichte, mit 30 (bzw. seit Sommersemester 28) Schülerinnen. Die Klasse gilt bei den Lehrern als leistungsschwach und undiszipliniert, d. h. man kann nicht – wie sonst in unserer Schule üblich – erwarten, dass die Mädchen tatsächlich Hausübungen schreiben, mitarbeiten, sich mit dem Stoff beschäftigen, auf Ermahnungen reagieren usw. Andererseits sind sie durchaus herzlich und offen; es gibt zahlreiche Problemkinder (triste Familienverhältnisse). Ich habe erst einmal eine (3.) Klasse dieses Schultyps gehabt, verfüge also über recht wenige Erfahrungen. Mein Unterrichtsstil ist eher 'locker; d.h. ich versuche mit den Schülerinnen einen gewissen Konsens zu erreichen – sie wissen dann, welche grundsätzlichen Anforderungen ich stelle und akzeptieren sie; ich räume ihnen soweit wie möglich ein Mitspracherecht bei der Unterrichtsgestaltung ein, versuche ihnen auch sonst entgegenzukommen; es gibt relativ viel gemeinsame Reflexion über den Unterricht. Die (bei uns) üblichen Umgangsformen (Aufstehen, wenn der Lehrer kommt; um Erlaubnis fragen vor dem Verlassen der Klasse) usw. ersetze ich schrittweise durch freiere Formen ... Diese 'Methode' hat bei dieser Klasse sehr schlecht funktioniert. Die Disziplinlosigkeit ist besonders nach Weihnachten viel größer geworden. Auch andere Lehrer beklagten sich in diese Richtung. Um die nachfolgenden Überlegungen richtig einzuordnen, muss ich betonen, dass die Klasse vielen Lehrern Probleme verursachte. Äußerungen von Kollegen und Kolleginnen: 'Ich mag gar nicht in diese Klasse gehen, es ist schrecklich!' 'Sie sind lästig, das ist kein lustiges Arbeiten, sie (Namen) können sich für nix begeistern, müssen immer stören.' 'Da gibt's welche, die haben die Arbeit pausenlos sabotiert, die sind laut und lästig. ' 'Heute wollten sie überhaupt nichts mehr tun, obwohl ich mich redlich bemüht habe.' Diese Situation war eine Herausforderung für mich im doppelten Sinn: Einerseits ärgerte ich mich und wollte die Ursache dieses Ärgers beseitigen; andererseits empfand ich diese Lage auch als Bewährungsprobe für einen demokratischen Unterrichtsstil. Sollte ich durch Disziplinierungsmaßnahmen Ruhe und Ordnung erzwingen oder sollte ich - vielleicht mit gewissen Modifikationen - bei meinem Stil bleiben? Für mich kam aus Gründen der Persönlichkeit wie auch aus prinzipiellen Überlegungen nur der 2. Weg in Betracht. Als ich mich für eine Fallstudie über diese Klasse entschloss, formulierte ich daher diese Problemstellung: 1) Ich ärgere mich, dass sie den Unterricht stören. Wieso tun sie das? 2) Wie weit beeinflusst mein Verhalten das Schülerverhalten? 3) Sie akzeptieren autoritäres Verhalten und nützen lockeres aus, wie kann ich ihnen das erlebbar und veränderbar machen?“

Quelle: Altrichter/ Posch: LehrerInnen erforschen ihren Unterricht. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt, 2007.

Merkmale von Ausgangspunkten:

Entwicklungsperspektive: Ziel ist die Verbesserung der praktischen Situation und Erweiterung bzw. Weiterentwicklung der eigenen Kompetenzen in einem für die forschende Person bedeutsamen Feld

Erkenntnis- bzw. Forschungsperspektive: Ziel ist ein besseres Verständnis der praktischen Situation, ihrer Bedingungen sowie der eigenen Handlungen und deren Wirkungen auf die Situation.
Zu Beginn des Forschungsprozesses verfügen LehrerInnen bzw. ForscherInnen entweder
a) über eine ganz konkrete Fragestellung, die unbedingt weiterverfolgt werden soll
b) über viele verschiedene Fragestellungen
c) über keine konkrete Fragestellung

Altrichter und Posch empfehlen zunächst mehrere potenzielle Ausgangspunkte zu formulieren, diese nebeneinander stehen zu lassen und in der Praxis zu beobachten. Für die Generierung einer sinnvollen und klar formulierten Fragestellung sollte nicht zu wenig Zeit eingeplant werden (mindestens 2 Wochen). Diese Zeit kann im Fall a) auch genutzt werden, um die Fragestellung auf ihre Brauchbarkeit hin zu überprüfen.
In den Fällen b) und c) nennen Altrichter und Posch die Übungen, die bei der Suche nach geeigneten Ausgangspunkten helfen können. Zudem raten sie zum Anlegen eines

Forschungstagebuchs