Ethnographie als Forschungsparadigma

Ethnographie/Feldforschung

Mit Ethnographie oder Feldforschung bezeichnet man einen Forschungszugang, der verschiedene vornehmlich qualitative Forschungsmethoden miteinander verbindet, um (Alltags-)Kulturen möglichst nahezukommen. Forscht man ethnographisch, so versucht man typische Interaktions- und Lebensformen, Praktiken und Rituale dieser Kultur zu finden und zu rekonstruieren. ‚Kultur‘ ist dabei nicht normativ oder holistisch gefasst, sondern bezieht sich auf plurale Lebens- und Arbeitsformen so z. B. auf Lernkulturen in Schulklassen, Organisationskulturen in Unternehmen oder Peerkulturen in Jugendtreffs. Der ethnographische Forschungsansatz ist im Kontext von ethnologischer Kulturanalyse entstanden, wurde in den 1920ern der Chicago School auf Subkulturforschung übertragen und bietet aktuell den zentralen Zugang, um Alltagskulturen bspw. in Organisationen zu untersuchen. Situierte Praktiken stellen den zentralen Forschungsgegenstand der Ethnographie dar.

Dabei können zahlreiche Datenerhebungsmethoden wie Interviews, Dokumentensammlungen oder Audioaufnahmen angewendet werden; die zentrale Methode der Ethnographie ist aber die Teilnehmende Beobachtung. Teilnehmend beobachtend bedeutet, dass der*die Forschende am Alltag der Beforschten teilnimmt und die Interaktionen möglichst selbst mitvollzieht, um dadurch eine möglichst genaue Kenntnis des Feldes zu bekommen. Eine besondere Herausforderung der ethnographischen Forschung besteht darin, die vielen verschiedenen Datentypen im Sinne der eigenen Forschungsfrage auszuwerten. Dabei wird häufig die Methodologie der Grounded Theory verfolgt, welche sich insbesondere durch ineinandergreifende Verfahren der Kodierung und ihr Ziel, eine Theorie mittlerer Reichweite zu generieren, auszeichnet.

Markenzeichen der Ethnographie

Ethnographische Alltagsforschung

In der Geschichte der Ethnographie kann ein zunehmendes Interesse an mehr oder weniger vertrauten Alltagskulturen verzeichnet werden. Das Interesse am Alltagsgeschehen folgt der Annahme, dass menschliche Individualität (Identität), Sozialität und Kultur in sozialen Interaktionen entstehen. In der Tradition von Alfred Schütz haben insbesondere die Arbeiten von Erving Goffman (1969) und Harold Garfinkel (1967) zu dieser Verschiebung beigetragen. Goffman hat den Alltag der amerikanischen Mittelschicht erforscht, indem er u.a. alltägliche Praktiken als öffentlich-aufgeführte Szenen mit Dramaturgie gelesen hat. So hat er bspw. das Auf-den-Bus-Warten als körperliche Aufführung untersucht. Garfinkel hat die Forschungstradition der Ethnomethodologie begründet. In dieser Forschungsrichtung wird angenommen, dass Interaktions-Teilnehmende implizit bestimmte Methoden anwenden, um ihre korrekte Teilnahme an Alltagspraktiken wie Begrüßen, an der Kasse bezahlen oder Lästern mit einem Kollegen anzuzeigen. Es ist das Ziel der Ethnomethodologie diese impliziten Methoden zu rekonstruieren.

Beispielstudie: Die soziale Praxis des Fahrstuhlfahrens

Beobachtungsübung: Busfahren als Alltagspraxis

Ethnographische Differenzforschung

Differenz war und ist ein zentrales Thema ethnographisch ausgerichteter Forschungen. Entstanden ist die Ethnographie zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Kontext von Kolonialismus mit dem Forschungsinteresse als „fremd“ begriffene Kulturen zu erforschen. In den 1970/80er Jahren wurde dieses Verhältnis zu Differenz in der Writing Culture Debatte grundlegend problematisiert. Heute gilt die Ethnographie als zentraler Zugang, um die soziale, interaktive Herstellung von Differenzen – gender, class, race, (dis-)ability – ethnographisch zu untersuchen. Anstatt von „natürlichen“ Unterschieden auszugehen, wird das Doing Difference, also die soziale Aufführung, untersucht. Die Begriffe „Doing Class“ oder "Doing Gender" eröffnen also eine Perspektive auf alltägliche Praktiken der Herstellung von Zugehörigkeiten (Positionierungen, Zuschreibungen, Stile etc.). Auch heute ist die Frage, ob eigene ethnographische Forschung Differenzen beschreibt oder diese erst durch die Beschreibung (neu) hervorbringt (im Sinne eines Otherings) eine wichtige Reflexionsfolie (Fritzsche/Tervooren 2012).

Beispielstudie: Doing Class in School

Ethnographische Organisationsstudien

Die Ethnographie stellt einen oft gewählten Zugang dar, um (Mikro-)Kulturen innerhalb von Organisationen wie Unternehmen, Bildungseinrichtungen oder Behörden zu erforschen. Die Grundannahme hinter diesem Zugang ist, dass Bedeutung und Sinn in Interaktionen entsteht und sich in organisationstypischen Praktiken und Routinen verfestigt. Es geht also nicht um intentional handelnde Individuen und deren rationale Planungs- und Steuerungsentscheidungen. Stattdessen wird angenommen, dass es bestimmte soziale Muster in Organisationen gibt, die das, was innerhalb der Organisation möglich ist, eröffnen und gleichzeitig begrenzen. Diese Muster sind häufig gerade nicht im Einklag mit rationalen Steuerungslogiken. Ethnographische Organisationsstudien erforschen unter anderem, wie diese Muster entstehen, wie sie sich verändern (lassen) und welche (sozialen) Spannungen sich zeigen.

Beispielstudien: Alltagskulturen in Krankenhaus, Schule, Polizei

Zusammenfassung

Literaturhinweise

Breidenstein, Georg; Hirschauer, Stefan; Kalthoff, Herbert; Nieswand, Boris (2013): Ethnografie. Die Praxis der Feldforschung. Konstanz: UTB (UTB : Sozialwissenschaften, Kulturwissenschaften, 3979).

Fritzsche, Bettina; Tervooren, Anja (2012): Doing difference while doing ethnography? Zur Methodologie ethnografischer Untersuchungen von Differenzkategorien. In: Barbara Friebertshäuser, Helga Kelle, Heike Boller, Sabine Bolling, Christina Huf, Antje Langer et al. (Hg.): Feld und Theorie. Herausforderungen erziehungswissenschaftlicher Ethnographie. Leverkusen: Budrich, S. 25–39.

Garfinkel, Harold (1967): Studies in Ethnomethodology. Englewood Cliffs: Prentice Hall.

Goffman, Erving (2015 [1969]): Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. München: Piper.