Qualitative Beobachtungsverfahren

Einleitung: Einleitung

Beobachtung gilt als klassische Methode der qualitativen Sozialforschung, um Alltagsrituale, Subkulturen oder Interaktionen und Praktiken in Organisationen zu erforschen. Mit Beobachten sind alle Formen der sinnlichen Wahrnehmung wie Sehen, Hören, Riechen und Fühlen gemeint. Dabei gibt es unterschiedliche Typen von Beobachtungsverfahren, die sich insbesondere dadurch voneinander unterscheiden, wie stark der*die Forschende selbst am beforschten Geschehen teilnimmt. So spricht man von der Teilnehmenden Beobachtung, wenn selbst an der Praxis des Forschungsfeldes – wie bspw. dem gemeinsamen Abendessen in einer Jugendgruppe oder dem Meeting in einem Unternehmen – teilgenommen wird. Die Grundidee der Teilnehmenden Beobachtung ist, dass man eine Handlungspraxis und die involvierten Personen am besten erforschen kann, wenn man sie über einen längeren Zeitraum beobachtet bzw. an dieser Praxis selbst teilnimmt. Den Forschungsansatz hinter der Methode Teilnehmende Beobachtung nennt man Ethnographie ( Ethnographie als Forschungsparadigma ).

Neben dem Maß der Teilnahme unterscheiden sich Beobachtungsverfahren darin, wie stark die Beobachtung vorstrukturiert ist. Wird die Beobachtung durch einen klar strukturierten Beobachtungsbogen geleitet, in den bspw. eingetragen wird, ob, wie oft oder wie lange eine Tätigkeit durchgeführt wurde, spricht man von kodierender oder standardisierter Beobachtung. Dieser Typ folgt einer quantifizierenden und damit hypothesenprüfenden Logik. In der qualitativen Beobachtungsforschung ist das Ziel dagegen, Alltagswelten und Subkulturen ‚von innen‘ heraus zu beschreiben. Beobachtungen werden daher kaum vorstrukturiert, um offener zu sein für das, was im Feld passiert und relevant erscheint. Dabei wird nicht versucht, einen objektiven Beobachterstandpunkt einzunehmen, sondern man weiß um die Standortgebundenheit der Forscher*innen. Um dennoch methodisch kontrolliert zu beobachten, ist es wichtig, Beobachtungs-, Verschriftlichungs- und Analysestrategien zu entwickeln. So gibt es verschiedene Verfahren, um die eigenen Sehgewohnheiten - insbesondere in bekannten Umgebungen wie Schulunterricht - zu befremden, um Neues sehen zu können (Beobachten lernen, Beobachtungen aufschreiben ).

Ziel der Methode

Der Forschungsgegenstand qualitativer Beobachtungsverfahren sind Praktiken, Ablauf- und Kommunikationsmuster, Routinen und Gewohnheiten im untersuchten Feld. Das Ziel von umfassender ethnographischer Forschung ist die Beschreibung von Mikro-Kulturen wie bspw. Organisationskulturen in Unternehmen, Lernkulturen von Schulklassen oder bestimmten Berufskulturen. Durch teilnehmende Beobachtung soll erforscht werden, wie soziale Ordnung entsteht. Soziale Ordnung kann dabei sehr Unterschiedliches bedeuten: So kann man sich dafür interessieren, wie eine Prüfungssituation interaktiv - z. B. bestimmte Ankündigen oder eine bestimmten Sitzordnung - hergestellt wird oder auch, wie in einem Kollegium eines Supermarkts Gemeinschaft in Raucherpausen entsteht. Es wird angenommen, dass Praktiken und Routinen bestimmten Mustern und Logiken folgen, welche den beobachteten Personen selbst nicht oder nur teilweise bewusst sind. Die Teilnahme an der untersuchten Praxis kann Forscher*innen ermöglichen, selbst Teil der Interaktionen zu werden, um bspw. die Ansprüche der beruflichen Praxis wahrnehmen zu können. Die Methode der teilnehmenden Beobachtung verfolgt das Ziel, die (unbewussten) Praktiken, Kommunikationsmuster und Logiken zu versprachlichen bzw. zu beschreiben. Der Kern der teilnehmenden Beobachtung liegt also in der systematischen Versprachlichung des Beobachteten.

Je nachdem, in welchem Feld die Beobachtung stattfindet, bieten sich unterschiedliche Möglichkeiten der Teilnahme. So gibt es in einem Werbeunternehmen oder einer Gesamtschule vermutlich viele Möglichkeiten an der Handlungspraxis der beobachtenden Personen teilzunehmen. Je spezialisierter und privater die Kommunikation jedoch wird, desto schwieriger wird die Teilnahme. Generell gilt, dass eine Balance zwischen der aktiven Teilnahme und der Verschriftlichung von Beobachtungen gefunden werden muss, d. h. die Forscher*innen müssen Zeit und Raum haben, sich aus der Teilnahme auch zurückziehen zu können, um ihre gewonnen Eindrücke aufzuschreiben. Insbesondere, wenn Studierende über ein Praktikum den Feldzugang bekommen haben, müssen sich diese Freiräume oft erkämpft werden.

Für Teilnehmende Beobachtung ist es typisch, dass die genaue Fragestellung der Forschung noch nicht zu Beginn feststeht, weil oft erst im Feld deutlich wird, was eigentlich interessant zu erforschen ist. Es gibt aber auch Studien, die zu Beginn eine Forschungsfrage setzen.

Beispiel Beobachtungsstudie

Wann eignen sich teilnehmende Beobachtung und wann nicht?

Die Ethnographie und damit auch die teilnehmende Beobachtung hat ein Interesse an Interaktionen, Praktiken und Prozessen. Sie untersucht also, was in alltäglichen Situationen und Kontexten passiert bzw. wie soziale Wirklichkeit situativ erzeugt wird. Es wird angenommen, dass menschliche Handlungsvollzüge immer eingebettet sind in soziale Situationen und dass Menschen über diese Vollzüge immer nur begrenzt sprachlich Auskunft geben können. So werden viele Entscheidungen intuitiv und unbewusst getroffen und folgen eher impliziten Regeln als einer rationalen Handlungslogik. Forschungsvorhaben, die sich für diese impliziten Regeln und deren soziale Hervorbringung interessieren – wie bspw. im Rahmen einer beruflichen Praxis, einer Peerkultur oder familialer Rituale – sind mit der teilnehmenden Beobachtung gut beraten. Geeignete Fragestellungen wäre also z. B. "Wodurch zeichnet sich die Lernkultur des Gymnasiums xy aus?" oder "Wie werden im Unternehmen xz Entscheidungen getroffen?". Interessiert man sich stattdessen für sprachlich-verfügbares Wissen – wie Meinungen, Deutungsmuster oder Erlebnisse – sollte man eine Interview-Studie anlegen. So wären die Forschungsfragen "Welche Vorstellung haben Lehrer*innen von Behinderung?" oder "Wie positionieren sich Arbeitnehmer*innen zu Umstrukturierungen?" Fragen, die eher mit Interviewstudien beantwortet werden könnten.

Geeignete Forschungsfragen

Wie bekommt man Zugang zu einem Forschungsfeld?

Zunächst gilt es zu klären, welches Forschungsfeld für die jeweilige Fragestellung passend ist, d. h. es muss geklärt werden, welche Praktiken, Interaktionen oder Prozesse genau von Interesse sind und an welchem Ort diese sehr wahrscheinlich zu beobachten sind. Wenn bspw. Entscheidungsprozesse in einem internationalen Unternehmen untersucht werden sollen, muss festgelegt werden, welche Unternehmen überhaupt in Frage kommen und welche insbesondere interessant wären. Darüber hinaus sollte auch im Vorhinein bereits überlegt werden, wie der Feldzuschnitt aussehen soll, d. h. was genau beobachtet werden soll, welchen Personen oder Artefakten (Gegenständen, Dokumenten etc.) gefolgt werden soll und wo Grenzen gezogen werden sollen.

Die anschließende Kontaktaufnahme und der Zugang zu einem Feld kann dann zu einem langwierigen und frustrierenden Prozess werden, da nur wenige Organisationen oder Subkulturen ein intrinsisches Interesse an intensiver Beobachtung haben. Daher verlaufen viele Kontaktaufnahmen über persönliche Bekanntschaften. Es sollte beachtet werden, dass der jeweilig gewählte Zugang zum Feld die spätere Forschung und die eigene Rolle im Feld stark beeinflussen kann. Aus diesem Grund sollte man sich im Vorhinein mit Vor- und Nachteilen bestimmter Zugänge auseinandersetzen.

Beispiel Feldzugang

Wie verschriftlicht man Beobachtungen?

Der Kern der teilnehmenden Beobachtung liegt in der systematischen Versprachlichung des Beobachteten (Beobachten lernen). Für die Verschriftlichung der eigenen Beobachtungen gibt es einige Merkpunkte, die für eine methodisch kontrollierte Beobachtung wichtig sind:

  • Beobachtungen sollten sobald wie möglich notiert werden, da die Gefahr des Vergessens hoch ist. Zunächst reichen auch kurze Notizen aus (Feldnotizen).
  • Diese Notizen werden zu Beobachtungsprotokollen ausformuliert, die auch für andere verständlich sein sollen. Meistens erfolgt dieser Schritt zuhause am Schreibtisch.
  • Es werden meistens nur kurze Szenen sehr dicht, d. h. möglichst detailliert beschrieben. Die ausgewählten Situationen sind dafür typisch für das Feld.
  • Das Ziel ist der Nachvollzug bzw. das Verstehen der Praxis. Bewertungen – „schlechter Unterricht“, „arroganter Typ“ – werden vermieden.
  • Um die eigene Fragestellung zunehmend einzuschränken ist es wichtig, sich während des gesamten Forschungsprozesses kontinuierlich analytische Notizen zu machen. Es gibt darüber hinaus weitere Beobachtungs- und Verschriftlichungstrategien, die hilfreich sind, um die eigenen Beobachtungen zu intensivieren.

Do's and Dont's

Zusammenfassung

Einleitung: Literatur

Bachmann, Götz (2009): Teilnehmende Beobachtung. In: Stefan Kühl, Petra Strodtholz und Andreas Taffertshofer (Hg.): Handbuch Methoden der Organisationsforschung. Wiesbaden: Springer VS, S. 248–271.

Boer, Heike de; Reh, Sabine (Hg.) (2012): Beobachtung in der Schule - Beobachten lernen. Wiesbaden: Springer VS.

Breidenstein, Georg; Hirschauer, Stefan; Kalthoff, Herbert (2013): Ethnografie. Die Praxis der Feldforschung. Konstanz: UTB (UTB : Sozialwissenschaften, Kulturwissenschaften, 3979).