Problemzentriertes Interview

Einleitung

Das problemzentrierte Interview (PZI) ist eine Form der leitfadengestützten Interviews, die eher theoriegenerierend vorgeht und weniger theorieüberprüfend. Es lehnt sich somit an das Paradigma der Grounded Theory an, aufgrund der Leitfadenverwendung werden Vorannahmen zum untersuchenden Phänomen jedoch nicht ausgeklammert. Dadurch entsteht ein Spannungsfeld zwischen deduktivem Vorwissen und induktiver Ergänzung durch das Material (vgl. Witzel 1985). Für die Leitfadengenerierung bedeutet dies, das Vorwissen über die untersuchende Problematik in Leitfragen festzuhalten. Bei der Interviewführung ist zudem zentral eine Bereitschaft dafür zu besitzen auf neue Aspekte einzugehen und so das Vorwissen mit den unmittelbar neuen Informationen anzureichern. Das setzt bei der Interviewführung eine besondere Flexibilität vorraus. Diese bewusst flexible Vorgehensweise soll ermöglichen, dass die Interviewaussage keine bereits vorhandene Theorie „übergestülpt“ bekommt. Die/der Befragte setzt ihre/seine Relevanzen zum untersuchenden Phänomen selbst, das vorhandene Vorwissen durch den Interviewer gestaltet lediglich den Leitfaden und dient dazu das Phänomen aufzubrechen (vgl. Witzel 2000).

Durchführungsprinzipien für problemzentrierte Interviews

Wie durch die Einleitung schon deutlich wird, gibt es zwar bereits ein Konzept zum untersuchenden Phänomen, welches die Leitfragen gestaltet, die/der Befragte modifiziert dieses Konzept jedoch durch den subjektiven Gesprächsbeitrag (vgl. Kurz, Stockhammer, Fuchs und Meinhard 2007). Das lässt ein Spannungsverhältnis entstehen zwischen Deduktion und Induktion, um mit diesem Spannungsfeld forschungspraktisch zu arbeiten, gestaltete Witzel drei Grundprinzipien für das problemzentierte Interview:

  • Problemzentriertheit
  • Gegenstandorientierung
  • Prozessorientierung
    (vgl. Witzel 2000)

Die Problemzentriertheit beschreibt die "objektiv" vorhandene Problemlage des zu untersuchenden Phänomens. Diese Problemlage ist theoretisch verankert und/oder auf Vorannahmen gestützt, somit deduktiv. Aus der Analyse der Problemlage ergeben sich Aspekte zum Phänomen, die den Leitfaden gestalten (vgl. Kurz, Stockhammer, Fuchs und Meinhard 2007).
Die Gegenstandorientierung beschreibt den Aspekt, der Anpassungsfähigkeit der Methode gegenüber der diversen Forschungsgegenstände (vgl. Witzel 2000).
Die Prozessorientierung beschreibt das flexible Analyse des Problemfeldes, welches besonders bei der Interviewdurchführung zum Tragen kommt. Eine bewusste Offenheit neue Aspekte durch die zu befragenden Personen wird in die Problemanalyse mitaufgenommen. Das Problemfeld erweitert sich potentiell durch das Gesagte (Induktion) (vgl. Kurz, Stockhammer, Fuchs und Meinhard 2007).

Instrumente zur Durchführung des problemzentriertem Interview

Die Durchführung des PZI werden durch vier Instrumente unterstützt:

  • Kurzfragebogen
  • Leitfaden
  • Tonaufzeichnung
  • Postskriptum
    (vgl. Witzel 2000)

Der Kurzfragebogen erfasst die objektiven sozioökonomischen Merkmale des/der Befragten (z.B. Alter, Geschlecht, Beruf, Bildungsgrad, ...) (vgl. Witzel 2000). Dieser ist je nach Fragestellung mehr oder weniger umfangreich aufgebaut und dient lediglich der Einbettung des Samples.
Der Leitfaden hält sich an die üblichen Regeln eines leitfadengestützten Interviews, näheres zur Frageformulierung jedoch im Kapitel zum "Aufbau eines leitfadengestützten Interviews". Insgesamt kann man zu den Leitfragen erwähnen, dass sie als eine Art Gedächtnisstütze fungieren, die die bisherigen Vorannahmen zum Problemfeld beschreiben (vgl. Witzel 2000).
Die Tonaufzeichnung ermöglicht die präzise und authentische Erfassung des Gesagten und lässt Gedächtnisprotokolle wegfallen. Im Anschluss ist es üblich das Gesagt vollständig zu transkribieren, um den gesamten Kommunikationsprozess darzustellen (vgl. Witzel 2000).
Das Postskriptum wird unmittelbar nach dem Gespräch angelegt und enthält Gesprächsinhalte und gegebenenfalls besondere Gesprächsinhalte dazu, auch nonverbale oder situative Aspekte können hier aufgenommen werden (vgl. Witzel 2000).

Aufbau des problemzentriertem Interview

Das PZI besteht ist ein diskursiv-dialogisches Verfahren, welches die Aussagen der Befragten auf die jeweilige Problematik fokussiert. Dadurch besitzt diese Interviewvariante die Möglichkeit das bereits bestehende Vorwissen zur untersuchenden Problematik zu ergänzen oder gar zu korrigieren (vgl. Witzel 2000). Die Interviewführung besteht aus einem zentralen Zuhörprozess mit Nachfragen, dabei gilt auch hier das Prinzip, dass zunächst immanent nachgefragt wird und später erst exmanent.

Interviewablauf:

  • Kontaktaufnahme (unmittelbar)
  • Interviewführung (Kennzeichnung durch bestimmte Kommunikationsstrategien):

Erzählgenerierung:

  • Vorformulierte Einstiegsfrage, die das Problem zentriert und zugleich komplett offen gestellt wird. Beispiel: „Sie sind Sozialarbeiterin in der Kinder- und Jugendhilfe. Wie sind Sie dazu gekommen? Erzählen Sie doch mal.“
  • Allgemeine Sondierungen im Gesprächsverlauf (immanentes Nachfragen) dienen der Aufdeckung der subjektiven Problemsicht. Beispiel: „Sie erwähnten, dass eine Ökonomisierung in den Arbeitsabläufen immer deutlicher wird. Was genau verstehen sie darunter?“
  • Ad-Hoc-Fragen (exmanentes Nachfragen) sollen bestimmte Themenbereiche zur Vergleichbarkeit abdecken, sie stammen aus dem Leitfaden und werden dann erfragt, wenn sie zuvor noch nicht vom Befragten selbst genannt wurden. Beispiel: „Wie könnten sich die Arbeitsabläufe in der Kinder- und Jugendhilfe in den nächsten 10 Jahren entwickeln?“

Verständnisgenerierung:

  • Spezifische Sondierungen sollen immanente und exmanente Nachfragen detailieren, auch Unklarheiten bei erwähnten Begrifflichkeiten könnten hier genauer erfragt werden. Beispiel: „Sie nannten den Begriff „Crosswork“. Was verstehen Sie darunter genau?“
  • Darüber hinaus wird hier auch mit Gesprächstechniken aus der Psychotherapie gearbeitet, um den Befragten zur Selbstreflexion anzuregen. Üblich wäre hier zum Beispiel eine Zurückspiegelung von Äußerungen, oder eine Konfrontation (leichte Provokation). Bei der Konfrontation sollte aber ein gewisses Vertauensverhältnis aufgebaut worden sein, sonst kann es schnell in eine Art Rechtfertigung abweichen.
    (vgl. Witzel 2000)

Wann ist ein problemzentriertes Interview die richtige Wahl?

Das PZI ist die richtige Wahl, wenn die Fragestellung nicht rein explorativ ist, somit gewisses Vorwissen oder gewisse Vorannahmen zum untersuchenden Phänomen bestehen. Dieses Vorwissen wird anhand subjektiver Aussagen vertieft und ergänzt. Besonders eignet sich diese Erhebungsmethode bei Vorstudien, um ein Forschungsfeld aufzubrechen. Aufgrund der Leitfragen-Vorgehensweise erleichtert diese Interviewvariante mögliche anschließende Vergleiche (vgl. Kurz, Stockhammer, Fuchs und Meinhard 2007).

Zusammenfassung

Das problemzentrierte Interview steht an der Schnittstelle zwischen theoriegeleiter Deduktion und explorativer Induktion. Die bewussst offen gestalteten Leitfragen sollen das subjektiv Gesagte in den Vordergrund stellen und zugleich stellt es die Weichen, dass es bereits gewisse Vorannahmen zum untersuchenden Phänomen gibt. Das PZI wird leitfadengestützt und theoriegeleitet durchgeführt, aber zugleich wird die subjektive Sichtweise des/der Befragten wichtig und ergänzt das bereits vorhandene Wissen. Eine objektiv vorhandene Problemlage wird durch subjektiv wahrgenommene Sichtweise ergänzt und genährt.