Leitfadengestütztes Interview

Einleitung

Leitfadengestützte Interviews sind teilstandarisiert und gehören noch nicht lange zu den klassischen Erhebungsformen der qualitativen Sozialforschung. Dennoch wird diese Variante immer beliebter und gliedert sich spätestens nach Erweiterungen durch Meuser und Nagel im Bereich der ExpertInnen-Interviews oder durch Spezialisierungen von Witzel im Bereich der problemzentrierten Interviews, auf (vgl. Przyborski/Wohlrab-Sahr 2014).
Leitfadengestützte Interviews heben sich durch eine bewusste Vorstrukturierung klar von komplett offenen Interviews ab. Der/die InterviewerIn geht bewusst deduktiv in das Gespräch, indem konkrete Fragen vorab überlegt werden. Allerdings ist es wichtig sich auch hier sich an das Gesagte vom Interviewten zu orientieren und nicht statisch einen Fragekatalog abzuarbeiten. Es gilt die Regel vom „Allgemeinen zum Spezifischen“ (vgl Merton et al 1956). Es besteht die Kunst spezifische und zielgerichtete Fragen zu verfassen, aber dennoch darauf abzuzielen erzählgenerierende Sätze zu involvieren.

Aufbau leitfadengestütztes Interview

Allgemeiner Aufbau eines leitfadengestützten Interviews:

  • Erzählstimulus (Narration oder Beschreibung) Die Perspektive des/der Befragten soll auf das interessierende Phänomen gelenkt werden und dessen Vorgeschichte erzählen.
  • Thematisch geordnete aber offen gestellte Fragekomplexe, die zunächst auf das Gesagte aufbauen (immanent) und später neue Aspekte erfragen kann (exmanent) Der Übergang zwischen den Fragekomplexen sollte erneut bewusst offen und sanft formuliert sein, um erzählgenerierend zu wirken.
  • Als Interviewabschluss können evaluierende Fragen gestellt werden, aber auch Fragen die kontroverse und/oder provokant anmuten. Gerne wird auch mit kleinen Gedankenexperimenten gearbeitet.
    (vgl. Przyborski/Wohlrab-Sahr 2014).

Wann ist ein leitfadengestütztes Interview die richtige Wahl und wann nicht?

Ein leitfadengestütztes Interview ist dann sinnvoll, wenn die Fragestellung relativ eng begrenzt verfolgt wird oder man bereits spezifische Vorannahmen zum Forschungsfeld besitzt (theoriegeleitet). Der Fokus liegt hier weniger in biografischen Erzählungen, sondern mehr darin argumentierende Darstellungsmodi zu erfassen.

Kriterien des leitfadengestützten Interviews

Um die späteren Fragebattereien zu verfassen ist es einfach sich an bestimmte Kriterien zu orientieren, da das Spannungsfeld zwischen zielgerichteteten Fragen und bewusster Offenheit nicht immer einfach erscheint umszusetzen. Przyborski und Wohlrab-Sahr schlagen diesbezüglich abgewandelte Kriterien nach Merton vor, welche aus den Parametern "Offenheit", "Spezifität", sowie "Kontextualität und Relevanz" bestehen.

  • Das Kriterium der „Offenheit“ leitet sich von Mertons „Reichweite“ ab und bezieht sich auf den Anfangs-Erzählstimulus. Im besten Falle soll die erste Frage so offen gestellt sein, dass der/die InterviewpartnerIn den erfragten Sachverhalt aus seiner/ihrer persönlichen Sicht umschreibt. Je nach Forschungsinteresse und Spezifik bietet es sich an die Eingangsfrage narrativ orientiert zu stellen, um den Erzählfluss anzuregen. Diese Variante findet man als Einstieg oft z.B. bei problemzentrierten Interviews. Sie kann aber auch konkret auf eine bestimmte Beschreibung abzielen, was zum Beispiel bei ExpertInneninterviews gehäufter zum Tragen kommt (vgl. Przyborski/Wohlrab-Sahr 2014). (Beispiel in Moodle ausarbeiten – Zuordnung von Intervieweinstiegen)
  • Das Kriterium der „Spezifität“ beschreibt genaue Nachfragen zum Gesagten, was oft dann auftritt wenn ein Punkt zwar angedeutet wurde, aber nicht intensiv ausgeleuchtet. Der/die InterviewerIn kann im Anschluss an das Gesagte die Bedeutung des Sachverhaltes spezifisch erfragen (immanente Fragen). Es geht hier aber nicht darum gänzlich neue Aspekte aufzuwerfen, man bleibt am Gesagten der interviewten Person. Wichtig ist zudem, dass die Abfolge eingehalten wird: „offene“ Frage zu Beginn  „spezifische“ Nachfrage im Anschluss (vgl. Przyborski/Wohlrab-Sahr 2014).
  • Das Kriterium der „Kontextualität und Relevanz“ beschreibt die Wichtigkeit, dass die Fragen möglichst so gestellt werden sollten, dass die subjektive und/oder institutionelle Relevanz des/der Interviewten abgebildet wird. Auch im Hinblick auf den sozialen, institutionellen und/oder persönlichen Kontext des/der Befragten (situative Einbettung) (vgl. Przyborski/Wohlrab-Sahr 2014).

Die Leitfadenerstellung

Der Leitfaden wird in der Regel schriftlich festgehalten, wenngleich die Fragebatterien flexibel gestellt werden dürfen und sollten. Der Leitfadenaufbau ist systematisch und themenzentriert und folgt dem Prinzip „vom Allgemeinen zum Spezifischen“. Es beginnt üblicherweise mit einem bewusst offenen Eingangsstimulus, daraufhin werden zunächst immanente Nachfragen gestellt und geprüft ob bereits Themen angesprochen, die im Leitfaden enthalten sind. Beginnen gänzlich neue Themenbereiche werden diese auch mit bewusst offenen Fragen eingeleitet. Dadurch wird bereits deutlich, dass die Interviewsituation dynamisch ist und sich primär auf das Gesagte des Gegenübers bezieht. Wenn Bereiche vom/von der Befragten bereits ausführlich besprochen wurden, müssen diese nicht mehr erfragt werden. Wenn Aspekte auftreten, die zuvor im Leitfaden gar nicht bedacht wurde, ist es möglich daraufhin das Themenspektrum zu erweitern (vgl. Przyborski/Wohlrab-Sahr 2014).

Merke: „Der Leitfaden dient dem Interview, nicht das Interview dem Leitfaden!“
(Przyborski/Wohlrab-Sahr 2014).

Zur Erstellung von Leitfragen schlägt Helfferich, die sogenannte SPSS-Methode vor. SPSS steht dabei für die Parameter „Sammeln“, „Prüfen“, „Sortieren“ und „Subsummieren“. (vgl. Helfferich 2016)

Die Leitfragen müssen die Herausforderung bestehen, die zentralen Aspekte des Forschungsinteresses abzubilden, jedoch ohne die zentrale Forschungsfrage genau zu benennen.

Um die Formulierung zu erleichtern nennt Kruse zentrale Aspekte für die Leitfragenerstellung:

  • Eindeutige Formulierungen wählen (klar verständlich ausdrücken)
  • Keine Mehrfachfragen formulieren (eindimensional)
  • Verständliche Wortwahl verwenden
  • Abstimmung der Wortwahl auf den Sprachschatz des/der Interviewten
    (vgl. Kruse 2006)

Do’s and Dont’s für die Erstellung von Interviewfragen:

  • Keine geschlossenen Fragen
  • Keine wertenden oder aggressiv klingenden Fragen
  • Keine Erwartungen andeuten
  • Keine Suggestivfragen
  • Keine Scham- oder Schuldgefühl auslösenden Fragen stellen
  • Keine empathischen Kommentare bei der Interviewführung
  • Keine Deutungsangebote machen
  • Tabuthemen oder provokante Fragen eher am Ende stellen
    (vgl. Kruse 2006)

Übung: Leitfadenfragen verbessern

Überprüfen Sie die Qualität der Leitfadenfragen.

Zusammenfassung

Das leitfadengestützte Interview ist eine passende Erhebungsmethode, wenn bereits ein Vorwissen über das zu Erforschende vorliegt. Auch wenn die Fragestellung bereits relativ eng verfasst ist und man nicht komplett explorativ ins Feld geht bietet sich diese Methode an. Darüber hinaus gibt es mittlerweile Spezialformen von leitfadengestützten Interviews, die es ermöglichen noch konkretere Forschungsinteressen abzudecken. Die Leitfadenerstellung benötigt eine gewisse Vorstrukturierung, die jedoch später im Interviewverlauf flexibel gehandhabt werden sollte.