Erhebungsmethoden

Empirische Forschungsprojekte zeichnen sich dadurch aus, dass Daten erhoben und analysiert werden. Unterschieden wird in der Regel zwischen qualitativer und quantitativer Forschung. Im Folgenden soll den Fragen nachgegangen werden, was qualitative Daten auszeichnet und welche verschiedenen Methoden es gibt, diese Daten zu erheben.

Was zeichnet qualitative Daten aus?

Die Ziele qualitativer Forschung sind das Verstehen und Beschreiben von sozialen Lebenswelten von ‚innen‘ heraus, die Exploration von gar nicht bis kaum erforschten Phänomenen und daran anschließend die Generierung von theoretischen Erkenntnissen – im Gegensatz zur Überprüfung von theoretischen Annahme. Um diese Ziele zu erreichen, gilt es dem Forschungsgegenstand mit Offenheit zu begegnen. Das bedeutet, dass die Art der Datenerhebung so gestaltet werden muss, dass Besonderheiten von subjektiven Sichtweisen oder sozialen Lebenswelten sichtbar werden können. So dürfen bspw. Interviewfragen keine Ja-Nein- oder Suggestiv-Fragen sein, sondern sollen so offen gestellt werden, dass die interviewten Personen ihre eigenen Erfahrungen erzählen können.

Welche Arten qualitativer Daten gibt es?

Qualitative Forschung wird oft als ‚Textwissenschaft‘ (Flick et al. 2008) bezeichnet, weil qualitative Daten häufig in Textform vorliegen – wie bspw. transkribierte Interviewdaten oder schriftliche Beobachtungsprotokolle. Seit geraumer Zeit haben aber auch visuelle Daten, wie Fotos oder Videos Einzug in die qualitative Sozialforschung gehalten. Im Folgenden werden die gängigsten Datenarten der qualitativen Sozialforschung vorgestellt:

Unterschieden werden kann hinsichtlich der Rolle der Forschenden, die sie bei der Datenerhebung einnehmen. Bei Interviews oder teilnehmender Beobachtung sind die Forschenden bei der Datenerhebung selbst Teil ihres Forschungsfelds und haben somit auch einen Einfluss darauf, wie die Daten entstehen. So sind Forschende bei Beobachtungen anwesend oder führen selbst ein Interview. Das Handeln des Forschenden im Feld wird dabei nicht als Störung angesehen, sondern als Teil des Erkenntnisprozesses, welcher systematischer reflektiert werden muss. Andere Daten, wie bspw. Dokumente oder auch Bilder, bestehen schon bevor Forschende sie erheben. Sie sind nicht speziell für den Forschungskontext entstanden. Mit der Erhebung verändert sich der Kontext der Daten: Sie sind beispielsweise nicht länger ein Foto für eine Zeitung sondern nun ein Forschungsgegenstand.

Interessant ist, dass zunehmend auch Archive für erhobene qualitative Daten entstehen. Die Daten werden damit anderen Forschenden zur Verfügung gestellt. Die Analyse bereits erhobener und ausgewerteter Daten nennt sich Sekundäranalyse. Die Daten aus den Archiven, wie bspws. aus sog. Fallarchiven können (teilweise) auch für studentische Forschungsprojekte genutzt werden.

Welche Daten passen zu meinem Forschungsprojekt?

Die Frage nach den passenden Daten für die eigenen empirischen Arbeiten ist nicht einfach zu beantworten. Die Wahl für eine Art qualitativer Daten ist abhängig vom Erkenntnisinteresse und der Fragestellung – diese wiederum bestimmen das Forschungsdesign. Beim Entwerfen des Forschungsdesigns wird ausgehend von der Fragestellung überlegt, mit welchen Daten und welcher Auswertungsmethode die Fragestellung beantwortet werden kann.

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Dabei werden sowohl methodologische Gesichtspunkte berücksichtigt als auch miteinbezogen, wie die gewählten Methoden zur theoretischen Rahmung der jeweiligen Fachdisziplin stehen. Die Wahl der Daten findet somit immer auch im Zusammenhang mit dem gewählten theoretischen Ansatz statt. Nichtsdestotrotz lassen sich Aussagen darüber machen, welche Arten von Fragestellungen mit welchen Daten typischerweise beantwortet werden können. In den nachfolgenden Kapiteln erfahren Sie hierzu näheres.

Was erwartet Sie in den nachfolgenden Artikeln?

Im folgenden Kapitel werden die beiden gängigsten Verfahren qualitativer Datenerhebung anwendungs- und praxisorientiert vorgestellt, nämlich die Erhebung von Daten durch Interviews und mit Hilfe von Beobachtungen. Falls Sie sich für andere Arten qualitativer Daten interessieren, verweisen wir auf die untenstehende weiterführende Literatur.

Literaturhinweise

Allgemein:

Flick, Uwe; Kardorff, Ernst von; Steinke, Ines (2008): Was ist qualitative Forschung? Einleitung und Überblick. In: Uwe Flick, Ernst von Kardorff und Ines Steinke (Hg.): Qualitative Forschung. Ein Handbuch. 6., durchgesehene und aktualisierte Auflage. Reinbek: Rowohlt, S. 12-29.

Przyborski, Aglaja; Wohlrab-Sahr, Monika (2019): Forschungsdesigns für die qualitative Sozialforschung, in: Baur, Nina; Blasius, Jörg (Hrsg): Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung, Wiesbaden: Springer VS, S. 105-123.

Przyborski, Aglaja; Wohlrab-Sahr, Monika (2014): Qualitative Sozialforschung. 4. erweiterte Auflage. München: De Gruyter Oldenbourg

Beobachtungsdaten:

Breidenstein, Georg; Hirschauer, Stefan; Kalthoff, Herbert (2013): Ethnografie. Die Praxis der Feldforschung. Konstanz: UTB. Interviewdaten:

Helfferich, Cornelia (2011): Die Qualität qualitativer Daten. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. Kruse, Jan (2015): Qualitative Interviewforschung. Ein integrativer Ansatz. 2., überarbeitete und ergänzte Aufl. Weinheim: Beltz Juventa (Grundlagentexte Methoden).

Gruppendiskussionen:

Bohnsack, Ralf/Przyborski, Aglaja/Schäffer, Burkhard (Hg.) (2010): Das Gruppendiskussionsverfahren in der Forschungspraxis. Opladen: Budrich.

Dokumenten- und Aktenanalyse:

Wolff, Stephan: Dokumenten- und Aktenanalyse, . In: Uwe Flick, Ernst von Kardorff und Ines Steinke (Hg.): Qualitative Forschung. Ein Handbuch. 6., durchgesehene und aktualisierte Auflage. Reinbek: Rowohlt, S. 502-513.

Salheiser, Axel (2019): Natürliche Daten: Dokumente, in: Baur, Nina; Blasius, Jörg (Hrsg): Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung, Wiesbaden: Springer VS, S. 1119-1134.

Bildanalyse:

Bohnsack, Ralf (Hg.) (2015) : Dokumentarische Video- und Filminterpretation, Opladen: Budrich.